matinee2014 «Ich möchte Weltenbürger sein, überall zu hause und überall unterwegs.»
(Erasmus von Rotterdam, 1465 – 1536)

Mercator war ein Stubenhocker

Von Blaise Pascal stammt die Vermutung, dass alles Unheil in der Welt letztlich daher rührt, dass der Mensch nicht zu Hause bleiben und still sein kann. Nun scheint es aber in unserer Natur zu liegen, keine Grenzen, auch keine geographischen, akzeptieren zu können. Bei der dritten Staffel der Mercator Matinéen haben wir deshalb dem Thema Reisen und Entdecken – im weit gefassten Sinne – einen Schwerpunkt gewidmet. Zu Beginn der Neuzeit hatte sich die Mobilität der menschlichen Spezies in dramatischer Weise entwickelt. Der Bau hochseetauglicher Schiffe vom Karavellen-Typus, aus der arabischen Welt stammende Kenntnisse über die astronomische Nautik, die Instrumentenverbesserung der Astrolabien und Quadranten machten monatelange Seefahrtsexpeditionen möglich. Gerhard Mercators geniale Idee der Kartenprojektion bot endlich bislang ungeahnte Sicherheit bei der Navigation und seine wegweisenden Ideen befinden sich heute in jedem GPS-Gerät. Obwohl selbst ein Stubenhocker, hat Mercator das Reisen enorm erleichtert. Seine kartographische Arbeit gründete nicht zuletzt wiederum auf Reise- und Expeditionsberichten. Die Beschwernisse solcher Unternehmungen – ob zu Land oder zur See sind aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehbar. Es heißt, dass Mercator solche Beschwernisse auch ungern auf sich nahm. Die Erfindung des Automobils, erst recht die Erfindung des Flugzeugs, der Bau ozeantauglicher Kreuzfahrtschiffe, die schwimmenden Städten gleichen, haben eine Industrie entstehen lassen, deren Auswirkungen auf unser Wirtschaftssystem und unsere ökologischen Lebensbedingungen immer dramatischer zutage treten. In diesem Zeitalter der billigen Verkehrsmittel kann jeder vom Sofa per Computer für den nächsten Tag einen Flug nach Mallorca buchen, der weniger kostet, als eine Taxifahrt vom Duisburger Süden zum Duisburger Norden. Die Folgen für die Atmosphäre verdrängen wir dabei gerne – ein Phänomen, das die Wissenschaft „Causale Distanz“ nennt. Wir lassen uns in unseren Fahrzeugen von einer freundlichen Computerstimme zur „Destination“ leiten und sind unterwegs in Welten, von denen Mercator oder Kepler nur träumen konnten. Die Reise ins Weltall ist keine Utopie mehr und der Weltraumtourismus lediglich noch eine Frage der Zeit. Nur der größte Lebensraum der Erde – tausende Meter tief im Ozean –ist bis heute nicht kartographiert und uns größtenteils unbekannt. Es waren mehr Astronauten im Weltall als Menschen in der Dämmerwelt der Tiefsee. Ich wünsche uns allen unterhaltsame und erkenntnisreiche Mercator Matinéen 2014. Eine von Marcel Proust einst formulierte Erkenntnis könnte dazu gehören: „Die wahren Entdeckungen bestehen nicht darin, neue Landschaften aufzusuchen, sondern neue Augen zu haben.“Landschaften aufzusuchen, sondern neue Augen zu haben.“

 

 

PDF des Programmheftes:
> pdf – programm der mercator matinéen 2014 

 

Sommerton-Logo Aus den Marienthaler Festspielen wird das sommerton-festival auf Schloss Diersfordt
Das Programm wurde am 20. März 2014 vorgestellt
Künstlerischer Leiter: Wilfried Schaus-Sahm
sommerton14

 

annette zur wiederveröffentlichung des albums „i am the one“ von annette peacock

artikel von wilfried schaus-sahm in der zeitschrift „jazzthetik – magazin für jazz und anderes“ (03 / 04 2011)

die einzig wahre (pdf)

 

mk_logo Dirk Raulf Orchestra feat. Meret Becker & deep schrott: 60 minuten. flussabwärts

„Es gelingt mir garnicht oder nur mit Mühe, mich als Individuum wahrzunehmen, als eine Person, als ein Ich. Ich sehe mich eher als einen Ort, an dem vorübergehend gewisse Dinge geschehen. Und was ich geschrieben habe, das war sicher Ich zum Zeitpunkt, als ich es schrieb, aber gleich danach ist es nicht mehr Ich. Das ist wie Wasser, das durch ein Sieb fließt.“

(Claude Lèvi-Strauss)

60 MINUTEN. FLUSSABWÄRTS wurde als Auftragswerk der Marienthaler Festspiele am 30. August 2013 uraufgeführt. Es handelt sich um eine genau 60minütige Komposition, die symmetrisch aus 12 fünfminütigen Teilen und gleichzeitig 60 Minuten-Abschnitten besteht, die sich oft unmerklich und fließend, manchmal abrupt ablösen.
Dem Wasser ist das Werk thematisch gewidmet: WASSER ist das verbindende Element der Songs, die wie Treibgut in dem 60minütigen Fluss auftauchen und von Franz Schubert, Tom Waits, Björk, Brian Eno, Randy Newman oder Nick Cave stammen. Teils als Zitat, teils als Neuinterpretation bilden sie den thematischen Rahmen und fügen sich organisch in die 60minütige musikalische Fluss-Reise ein.
Die beiden musikalischen Grundmotive sind das Tempo 60, also ein Sekundentakt, der immer wieder das musikalische Geschehen auf verschiedenste Weise grundiert, sowie ein harmonisches Leitmotiv in Form einer abwärts kreisenden Spirale, das in immer neuen Variationen auftaucht.
Der Computer ist der musikalische Schrittmacher, immer wieder spürbar, oft aber auch unmerklich. Musikalische Themen, Ausbrüche, Lieder, Texte finden innerhalb des Spiels der Spiralen ihren Platz: Freiräume, Gegensätze, Reibungen, Brechungen. Variationen. Umdeutungen des Tempos, der Modi, der Taktarten. Ein fast mathematisch strenges System wird durch menschliches Musizieren an den Rand des Zusammenbruchs gebracht – und umgekehrt.
60 Minuten. 60 Stücke. 60 bpm. Ein Schlag pro Sekunde, wie der Sekundenzeiger einer Uhr.
3600 Sekunden. 3600 Herzschläge. Ruhepuls.
Mit der Zeit gehen. Aus der Zeit fallen. Mit der Zeit spielen. Spiel auf Zeit.
Songs, Grooves, Kompositionen, Improvisationen, Klanglandschaften. Texte und Assoziationen. Wasserbilder. Musik für eine Flussreise, für einen nie gesehenen Film.

 

Dirk Raulf

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Foto: Volker Beushausen

Meret Becker

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Stimme, miscellaneous instr.

Deep Schrott:

Wollie Kaiser – Saxophone, Flöten, Klarinetten
Andreas Kaling – Saxophone
Jan Klare – Saxophone, Flöten, Klarinetten
Dirk Raulf – Saxophone, Bassklarinette, Piano, Toy Piano, Leitung

sowie:

Frank Schulte – Elektronik, Video
Thorsten Drücker – Gitarre
Dirk Peter Kölsch – Schlagzeug

 

logo.nrw

Video:

https://www.youtube.com/watch?v=cWnWYGtSAf4

 

 

800px-Schlosskirche_Diersfordt_01 Schloss_Diersfordt_Panorama_Sueden

unter dem titel „marienthaler festspiele zu gast auf schloss diersfordt“ wird das im letzten jahr erfolgreich gestartete festival im august sein zelt neben dem ebenfalls nahe bei wesel liegenden schloss diersfordt aufbauen.

inmitten einer intakten naturlandschaft und wunderbar abgeschiedener umgebung aber dennoch zentral liegt die 1432 entstandene schlossanlage diersfordt – mit rustikalem, aber stilvollem ambiente, einer rokoko-kirche auf dem schloss-platz und eigenen wasserflächen. die anlage befindet sich heute im privatbesitz.

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weitere informationen: www.sommerton.de

grandioser schlusspunkt beim marienthaler festival in diersfordt: >> artikel rheinische post

 

matinee2013 «Oh Säculum, oh Jahrhundert, oh Wissenschaft! Es ist eine Lust zu leben!» (Ullrich von Hutten , 1500)

Die Beschreibung und Vermessung der Welt

 

Die diesjährigen Mercator Matinéen beginnen mit einem Vortrag über ein Genie, das vor 500 Jahren „die Renaissance über die Alpen nach Deutschland holte“ (DER SPIEGEL). Albrecht Dürer verstand sich wie Gerhard Mercator als „Weltbildner“. Seine Aquarelle zeigten Stadtansichten erstmals so, dass der Betrachter sie in Einzelheiten wiedererkennen konnte. Einen Steinwurf von Dürers Werkstatt entfernt verkaufte Martin Behaim dem Rat der Stadt den vermeintlich ersten Erdglobus. „Nürnberg leuchtet wahrlich in ganz Deutschland wie eine Sonne – unter Mond und Sternen“ schwärmte Martin Luther und tatsächlich ist in dieser „Metropole“ das neue Streben nach Genauigkeit, nach wissenschaftlicher Erkenntnis exemplarisch zu verfolgen. In Frankreich wiederum wagt es der große Humanist Michel de Montaigne, sich einer Vielzahl von Themen unverstellt zu nähern und auch teilweise alltäglichste Phänomene aus konkreter Erfahrung und ohne scholastische Vorgaben zu beschreiben. Er wird mit seinen Essays zu einem Vorläufer der Aufklärung. Dass diese Epoche der Beschreibung und Vermessung der Welt zugleich der Beginn der Welteroberung, der Unterwerfung von Völkern und der systematischen Ausplünderung ihrer Schätze und Rohstoffe ist – also die negativen Seiten dessen aufzeigt, was wir heute Globalisierung nennen – auch diesen wichtigen Aspekt werden wir beleuchten.

Gerhard Mercator hat die Entdeckung der Gesetze der Planetenbewegung durch Johannes Kepler nicht mehr erlebt. Der spannende und revolutionäre Prozess der Entstehung eines neuen Weltbildes wird uns beschäftigen und wir lassen uns davon berichten, welches Weltbild die heutige Wissenschaft hat, wie sie unseren Planeten in der heimischen Galaxis, der Milchstraße, einordnet. Zwei Vorträge machen deutlich, dass selbst der große Gerhard Mercator als Begründer der modernen Kartographie “auf den Schultern von Riesen” stand: Wir würdigen seinen Lehrer Gemma Frisius, der die Mathematik bei der Vermessung und Navigation in einer neuen Art und Weise anwandte und stellen die bedeutenden Kartographen und Astronomen des arabisch-islamischen Kulturkreises vor, die das Wissen der Spätantike gerettet hatten und führend in der Entwicklung von technisch-wissenschaftlichen Geräten waren.

Wilfried Schaus-Sahm (Idee, Konzept, Programm)

m-matineen_heft_2013 (pdf)

 

mk_logo verein-MF

sitzend von links nach rechts:
sabine metro-beushausen (künstlerbetreuung)
michaela kannenberg (organisation und ticketing)
angelika patt (presse-und öffentlichkeitsarbeit)

stehend von links nach rechts:
volker beushausen (foto und design)
christel sahm (dokumentation)
dr. michael patt (vereinsvorsitzender)
dirk czernik (finanzen)
wilfried schaus-sahm (künstlerische leitung)

 

programm der „marienthaler festspiele“ 2012

2012_marienthaler festspiele_info (pdf)

www.sommerton.de

Code-th

„live at the codebar“ (1,20 x 10,55 m)
das dem pianisten joachim kühn gewidmete, großformatige bild wird am 12. januar 2012 parallel zu einem auftritt des joachim kühn berlin-paris trio (joachim kühn p; sebastien boisseau b; christian lillinger dr) ausgestellt.

12.01.12 düsseldorf ärtztekammer-nordrhein
tersteegenstraße 9, 40474 düsseldorf
codebar

 

MM12verkürzt „Es ist eine neue Zeit. Die alte Zeit ist vorbei. Die Menschheit erwartet etwas. Es ist eine große Lust aufgekommen, die Ursache aller Dinge zu erforschen. Jeden Tag wird etwas gefunden. Die alten Lehren, die tausend Jahre geglaubt wurden, sollen nicht mehr gelten.“ (Bertold Brecht. Das Leben des Galilei)

Eine neue Zeit

 

Das Zitat aus Bertold Brechts Theaterstück „Das Leben des Galilei“ steht als Motto über unserer neuen Veranstaltungsreihe der Mercator – Matinéen. Es beschreibt ein Jahrhundert, das ein neues Bild der Welt und ein neues Bild des Menschen prägte, die Wissenschaft von ihren religiösen Fesseln befreite und für unsere Gegenwart von immenser Bedeutung ist. Im 16. Jahrhundert geriet das von der Kirche gepredigte Weltbild, in dem die Erde als die Mitte des Universums galt, durch die Theorien von Nicolaus Copernicus, Johannes Kepler und Galileo Galilei ins Wanken. Brecht lässt Galileo in seinem Theaterstück den Widerspruch von wissenschaftlicher Forschung und theologischer Deutungshoheit mit einem bissigen Aperçu auf den Punkt bringen: „Die Winkelsumme im Dreieck kann nicht nach den Bedürfnissen der Kirche abgeändert werden.“ Wie zuvor Thomas von Aquin den Aristotelischen Materialismus mit der scholastischen Schöpfungslehre in Einklang zu bringen versuchte, ist auch Gerhard Mercator durchaus noch bemüht, die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse mit der Bibel zu versöhnen. Seine im Prinzip konservative religiöse Haltung wird dabei aber bereits durch seine eigenen Forschungs ergebnisse – so z.B. die Erkenntnis, dass der Magnetpol eine irdische, keine himmlische Angelegenheit ist – relativiert. Auch Mercator ist nicht davor gefeit, der „Lutherey“ bezichtigt zu werden – er wird für kurze Zeit eingekerkert. Dennoch, der unaufhaltsam fortschreitende Prozess der Neu orientierung schuf das geistige Klima einer neuen Epoche, der Renaissance, die sich vom Mittelalter und der Scholastik abwandte und als Leitbild die antike Bildung und das lebensbejahende, schöpferische Individuum in den Vordergrund stellte. In einer lockeren – hoffentlich lehrreichen und unterhaltsamen – Folge von Vorträgen, Lesungen und Konzerten möchten wir einige Aspekte dieses spannenden Jahrhunderts beleuchten, in dem der größte Bürger unserer Stadt sein bedeutendes Werk schuf, das bis heute nicht an Aktualität verloren hat.

Wilfried Schaus-Sahm (Idee, Konzept, Programm)

Matineeprogramm 2012_15.2

 

 

 

joachim_kuehn joachim kühn plays marie galante from kurt weill

auf anregung von wilfried schaus-sahm wird joachim kühn im rahmen des „kurt-weill-festivals 2012“ kompositionen von kurt weill bearbeiten.

joachim kühn, dessen trio-einspielung von weills „dreigroschenoper“ mit daniel humair (dr) und jean-francois jenny clarke (bass) bereits 1996 mit dem „preis der deutschen schallplattenkritik“ ausgezeichnet wurde, hat von prof. michael kaufmann den auftrag erhalten, eine suite zu den chansons aus „marie galante“ zu verfassen.

joachim kühn hat die besetzung seines quintetts für das projekt nunmehr bekannt gegeben.
joachim kühn p; rolf kühn cl; louis sclavis bcl/cl; sebastien boisseau b; ramon lopez dr
uraufführung auf der historischen bühne des bauhauses dessau; t.b.a.

Urauffhrg.Dessau premiere der auftragskomposition für das kurt-weill-festival in dessau 2011 auf der historischen bühne des bauhauses.

neue musik zu dem filmklassiker „die abenteuer des prinzen achmed“ (1926) von lotte reiniger.
ausführende: das renaud garcia-fons sextett
idee und konzept: wilfried schaus-sahm
fotos von der uraufführung in dessau (link auf facebook)