mercator matinéen

Die Duisburger Mercator Matinéen, die gemeinsam vom Kultur- und Stadthistorischen Museum, der Mercator-Gesellschaft Duisburg, der Duisburger Bürgerstiftung, der Volkshochschule Duisburg und seit 2020 auch von Europe Direct Duisburg und der Deutsch-Französischen Gesellschaft Duisburg e.V. veranstaltet werden, wurden 2012 von Wilfried Schaus-Sahm ins Leben gerufen, der seitdem das Programm kuratiert. Sie versuchen, Mercators wegweisende kartographische Leistungen im Kontext seiner Zeit einzuordnen, einer Zeit bahnbrechender Neuerungen auf den Gebieten der Wissenschaft, der Kunst und der Philosophie. Die mit hochkarätigen Referenten und Rezitatoren aufwartende Veranstaltungsreihe zieht ein interessiertes Publikum aus Duisburg, den Duisburger Nachbarstädten und bei einigen Themen sogar aus den Niederlanden in das Kultur- und Stadthistorische Museum.

„Es ist eine neue Zeit. Die alte Zeit ist vorbei. Die Menschheit erwartet etwas. Es ist eine große Lust aufgekommen, die Ursache aller Dinge zu erforschen. Jeden Tag wird etwas gefunden. Die alten Lehren, die tausend Jahre geglaubt wurden, sollen nicht mehr gelten.“ (Bertolt Brecht. Das Leben des Galilei)

Ein Zitat aus Bertolt Brechts Theaterstück „Das Leben des Galilei“ steht als Motto über der Veranstaltungsreihe. Es beschreibt ein Jahrhundert, das ein neues Bild der Welt und ein neues Bild des Menschen prägte, die Wissenschaft von ihren religiösen Fesseln befreite und für unsere Gegenwart von immenser Bedeutung ist. Im 16. Jahrhundert geriet das von der Kirche gepredigte Weltbild, in dem die Erde als die Mitte des Universums galt, durch die Theorien von Nicolaus Copernicus, Johannes Kepler und Galileo Galilei ins Wanken. Brecht lässt Galileo in seinem Theaterstück den Widerspruch von wissenschaftlicher Forschung und theologischer Deutungshoheit mit einem bissigen Aperçu auf den Punkt bringen: „Die Winkelsumme im Dreieck kann nicht nach den Bedürfnissen der Kirche abgeändert werden.“ Wie zuvor Thomas von Aquin den aristotelischen Materialismus mit der scholastischen Schöpfungslehre in Einklang zu bringen versuchte, ist auch Gerhard Mercator durchaus noch bemüht, die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse mit der Bibel zu versöhnen. Seine im Prinzip konservative religiöse Haltung wird dabei aber bereits durch seine eigenen Forschungsergebnisse – so z.B. die Erkenntnis, dass der Magnetpol eine irdische, keine himmlische Angelegenheit ist – relativiert. Auch Mercator ist nicht davor gefeit, der „Lutherey“ bezichtigt zu werden. Er wird für kurze Zeit eingekerkert. Dennoch, der unaufhaltsam fortschreitende Prozess der Neuorientierung schuf das geistige Klima einer neuen Epoche, der Renaissance, die sich vom Mittelalter und der Scholastik abwandte und als Leitbild die antike Bildung und das lebensbejahende, schöpferische Individuum in den Vordergrund stellte. In einer Folge von Vorträgen und Lesungen werden einige Aspekte dieses spannenden Jahrhunderts beleuchtet, in dem Gerhard Mercator sein bedeutendes Werk schuf, das bis heute nicht an Aktualität verloren hat.


Gerhard Mercator im Alter von 62 Jahren, Porträt.
(Kupferstich von Frans Hogenberg, 1574)


Prof. Harald Lesch bei Terra X.
Trotz einiger fachlicher Unkorrektheiten wird die  historische Leistung von Gerhard Mercator aus Duisburg in dem kleinen ZDF-Film anschaulich dargestellt.
Die Mercator-Projektion feiert 2019 ihr 450-jähriges Jubiläum.

Podiumsgespräch zum 450. Jubiläum der Mercator-Projektion.

Unter der Leitung von Dr. Ulf von Rauchhaupt (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) sprachen Prof. Dr. Peter Mesenburg (Essen), Dr. David Kuchenbuch (Gießen) und Dr. Christoph Hormann (Freiburg) über die geschichtliche und aktuelle Bedeutung der Mercator-Projektion, deren Entwicklung durch Gerhard Mercator in diesem Jahr 450-jähriges Jubiläum feiert. Dabei wurden dem Publikum auch spätere Gegenentwürfe zu dieser Kartenprojektion und heutige digitale Möglichkeiten der Kartengestaltung erläutert.

YouTube-Video des Podiumsgesprächs vom 29.09.2019 im Kultur- und Stadthistorischen Museum, Duisburg

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat beschlossen, für Weltkarten künftig nicht mehr die sogenannte Mercator-Projektion zu verwenden. Flächentreue „Equal Earth“-Weltkarten sollen unter anderem im Schulunterricht ein realistisches Gefühl für Raumgrößen und geopolitische Gewichtung vermitteln.

Die Empfehlungen internationaler Organisationen für flächentreue Weltkarten haben keinerlei Auswirkung auf die Benutzung der Mercator-Projektion in der Navigation.
Dass UN-Organisationen (wie die UNESCO) oder Bildungseinrichtungen flächentreue Karten – wie etwa die Gall-Peters- oder Winkel-Tripel-Projektion – bevorzugen, dient rein der sozio-politischen und geographischen Bildung. Ziel dabei ist es, ein realistischeres Bild der tatsächlichen Größenverhältnisse von Kontinenten zu vermitteln (beispielsweise um zu zeigen, dass Afrika rund 14-mal größer als Grönland ist, obwohl beide auf einer klassischen Mercator-Karte ähnlich groß wirken).
In der Navigation gelten völlig andere Prioritäten:
Funktion vor Optik: Für Nautiker und Piloten ist die optische Größenverhältniskorrektheit von Landmassen völlig irrelevant. Entscheidend ist einzig die mathematische Eigenschaft der Winkeltreue (Konformität).
Sicherheitsrisiko durch Formverzerrung: Flächentreue Karten verzerrungseigenbedingt Formen und Winkel massiv. Auf einer flächentreuen Karte wäre ein rechtwinkliger Kompasskurs nicht als gerade Linie darstellbar. Ein Steuern nach Sicht oder Kompass anhand solcher Karten würde das Navigieren extrem erschweren und Sicherheitsrisiken bergen.
Internationale Standards: Organisationen wie die IHO (International Hydrographic Organization) und die ICAO (International Civil Aviation Organization) legen die Standards für Seekarten und Luftfahrtkarten fest. Diese basieren für Streckenkarten aufgrund der Loxodromen-Eigenschaft weiterhin unverändert auf der Mercator-Projektion bzw. ihren mathematischen Varianten (wie Transverse Mercator / UTM).
Zusammenfassend: Die UN-Entscheidung betrifft rein den Schulungs-, Präsentations- und Atlasbereich, während in der praktischen Orientierung auf See und in der Luft die Mercator-Projektion aus physikalisch-mathematischen Gründen alternativlos bleibt.

Die Mercator-Projektion ist in der modernen Navigation nach wie vor der weltweite Standard. Obwohl sie wegen ihrer massiven Flächenverzerrungen in Atlanten und Schulen kritisiert wird, beruht ihre Vormachtstellung auf See und in der Luft auf zwei unersetzlichen mathematischen Eigenschaften. 
Warum die Mercator-Projektion unersetzlich bleibt 
Winkeltreue (Konformität): Winkel zwischen zwei Linien auf der Karte entsprechen exakt den Winkeln in der Realität. Längen- und Breitengrade schneiden sich überall im rechten Winkel. 
Loxodrome als gerade Linie: Kurslinien mit konstantem Kompasskurs (Loxodromen) sind auf einer Mercator-Karte geradlinig. Ein Skipper oder Pilot kann einfach ein Lineal zwischen Start und Ziel legen, den Winkel zum Meridian messen und diesen Kurs am Kompass steuern. 
Skalierung von Entfernungen: Auf Seekarten entspricht eine Bogenminute der Breite am seitlichen Kartenrand exakt einer Seemeile (1\text{ NM} \approx 1{,}852\text{ km}). 

Equal-Earth-Projektion (Wikimedia)
Flächentreue „Equal Earth“-Weltkarten sollen ein realistisches Gefühl für Raumgrößen und geopolitische Gewichtung vermitteln. Foto: Equal Earth – Public-Domain-Karte/Harald Küst

Artikel von Harald Küst in der Rheinischen Post zum Beschluss der Generalversammlung der Vereinten Nationen, für Weltkarten künftig nicht mehr die sogenannte Mercator-Projektion zu verwenden.

Globale Gerechtigkeit im Widerspruch zu Mercators Winkeltreue

In Duisburg führt die Mercatorschatzkammer von der Seefahrt zur Equal-Earth-Debatte. Schulen können Geografie, Geschichte und Mathematik verbinden – die Kartenfrage bleibt indes offen. Was eine Initiative Togos damit zu tun hat. Flächentreue Weltkarten sollen das Bewusstsein für globale Gerechtigkeit schärfen und die bisherige Darstellung ersetzen. Für die Navigation aber bleibt die winkeltreue Mercator-Projektion auch künftig gültig. Togo möchte die Verbreitung der „Equal Earth“-Weltkarten im Schulunterricht fördern.

Die Künstlerin Mona Hatoums zeigte 2023 im Lehmbruckmuseum aus 112.000 gläsernen Murmeln eine Weltkarte „Map (clear)“. Sie wollte damit weder navigieren noch politisch korrekt sein – sie wollte irritieren. Gerhard Mercator ersann 1569 seine winkeltreue Weltkarte für Seefahrer, und die Vereinten Nationen empfehlen aktuell eine flächentreue „Equal Earth“-Weltkarte. Jede Karte ist vor allem eines – eine Perspektive.

Geopolitik und Kolonialgeschichte

Seit Jahrhunderten spiegeln Karten Besitzansprüche, Macht und Herrschaft wider. Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, die Sicht Togos, der Antragsteller in der UN, in den Blick zu nehmen. Schließlich wurde das Land von 1884 bis 1916 durch die deutsche Kolonialherrschaft geprägt – eine Zeit, die aus heutiger Sicht kritisch bewertet wird.

Grönland so groß wie Afrika

Togo verbindet die kartografische Frage mit Kolonialgeschichte, historischer Erinnerung, Würde und „cognitive justice“ (kognitiver Gerechtigkeit). So erscheint Grönland auf der Mercator-Weltkarte beispielsweise nahezu gleich groß wie der afrikanische Kontinent. In Wirklichkeit ist Afrika rund 14-mal größer als die arktische Insel. Dieses verkleinerte Bild Afrikas hat reale Konsequenzen für die Wahrnehmung des Kontinents in Bildung, Medien und der globalen Politik.

Die Forderung lautet daher, die winkeltreue Kartendarstellung durch eine flächentreue Darstellung zu ersetzen. 164 Staaten stimmten dafür. Die Ukraine, Serbien und vier weitere Staaten enthielten sich, vor allem aus Sorge um die Darstellung umstrittener Grenzen. Die USA blieben als einziges Land dagegen – mit der scharfen Kritik, hier werde Kartografie mit Reparationsforderungen und „kognitiver Gerechtigkeit“ ideologisch aufgeladen.

Der Zweck bestimmt die Projektionsmethode

Flächentreue schärft das Bewusstsein für globale Gerechtigkeit. Werner Pöhling, Mitglied der Duisburger Initiative „Mercators Nachbarn“, meint dazu: „Wir begrüßen deshalb die Togo-Initiative ausdrücklich, zumal die Verwendung der modernen UTM in der UN-Resolution für die Schifffahrt und Luftfahrt in keiner Weise infrage gestellt wird. Vielmehr wird betont, dass sie sich hierfür uneingeschränkt eignet.“

Eine Projektion ist nie „richtig“ oder „falsch“, sondern für einen bestimmten Zweck „geeignet“ oder „ungeeignet“. Der Vorteil der Mercator-Projektion ist, dass sie winkeltreu ist und daher Richtungen und Kurse in geraden Linien wiedergibt – ideal für die Navigation. Ihr Nachteil ist, dass sie nicht flächentreu ist und die Größe von Ländern und Kontinenten, besonders zu den Polen hin, verzerrt. Das sei dem Seefahrer aber egal, weil es ihm nur darum gehe, den richtigen Ort zu erreichen, so Pöhling schmunzelnd.

Digitalisierung bietet eine praktische kartographische Lösung

Bis heute hat Mercators winkeltreue Darstellung als bahnbrechende Navigationshilfe eine zentrale Bedeutung. Kartendienste wie Google Maps oder OpenStreetMap verwenden für ihre digitalen Kartenansichten die sogenannte Web-Mercator-Projektion, eine moderne Variante der Mercator-Projektion. Digitale Kartensysteme verändern die Darstellung je nach Maßstab und Anwendung. IT-Experten nennen dies dynamische Anpassung der Benutzeroberfläche.

Im Stadt- und Navigationsmodus dominiert in der lokalen Ansicht die Winkeltreue (Mercator-basierte Darstellung), damit Abbiegewinkel, Kreuzungen und Fahrtrouten exakt stimmen – eine wichtige Voraussetzung für die Orientierung.

In der Weltansicht hingegen, also beim Herauszoomen auf die gesamte Erde, schaltet Google Maps auf einen 3D-Globus um. Damit lassen sich die Größen- und Lageverhältnisse der Kontinente realistischer darstellen als auf einer zweidimensionalen Karte.

Historisches Erbe

Fazit: Gerhard Mercators winkeltreue Projektion von 1569 („Ad usum navigantium“) revolutionierte die Seefahrt und wirkt bis heute in GPS-Systemen nach. Die aktuelle Diskussion um die flächentreue Equal-Earth-Projektion eröffnet Lehrkräften Möglichkeiten für einen fächerübergreifenden Unterricht in Geografie, Geschichte und Mathematik. In Duisburg bietet sich dafür ein besonderer außerschulischer Lernort an. In der Mercatorschatzkammer im Duisburger Stadtmuseum wird das historische Erbe des berühmten Kartografen unmittelbar erlebbar. So lässt sich die Geschichte der Kartografie mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen und den mathematischen Grundlagen von Kartenprojektionen verbinden.

(kue mtm)

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Die Programme der Mercator-Matinéen seit 2012 als PDF:

2012
M-Matineen-Heft 2012
2013
M-Matineen-Heft_2013
2014
M-Matineen-Heft_2014
2015
M-Matineen-Heft 2015
2016
M-Matineen-Heft_2016
2017
M-Matineen_Heft_2017_
2018
M-Matineen_Heft_2018_
2019
M-Matineen_Heft_2019_
2020
M-Matineen_Heft_2020_
2022

M-Matineen_Heft 2022
2023
Matineen_Heft_2023.pdf
2024
M-Matineen_Heft 2024_29.1
2025
M-Matineen_Heft_9.1