mercator matinéen 2020

„Die Alte und die Neue Welt“

In Nürnberg kann man den ältesten erhaltenen Erdglobus der Welt, den Behaim-Globus, bewundern. Als Ritter Martin Behaim dem Nürnberger Rat 1492 seinen „Erdapfel” vorstellte, fehlte darauf noch Amerika. Christoph Kolumbus war gerade erst auf seinen Entdeckungsreisen dort angelandet. Wie wir wissen, blieb Kolumbus bis zu seinem Tod davon überzeugt, einen Seeweg nach Indien entdeckt zu haben. Americus Vespucci stellte dann nach Erkundung der südamerikanischen Küste in seinem europäischen Reisebestseller „Mundus Novus“ (lat. Neue Welt) Kolumbus Missverständnis richtig und dem Kartographen Martin Waldseemüller, der 1507 eine Weltkarte nach neuesten Erkenntnissen herausbrachte, war es schließlich vorbehalten, das „Neuland“ nach der weiblichen Form von Vespuccis Vornamen zu benennen – folgerichtig, denn auch Europa und Asia waren nach Frauennamen benannt. Für Gerhard Mercator blieb Amerika das neue Indien. So nennt er es auf seinen Weltkarten von 1538 und 1569. Er hält es auch für möglich, dass Amerika das sagenhafte Atlantis von Plato sein könnte. Die Urbevölkerung auf dem amerikanischen Kontinent bestand zum Teil aus Hochkulturen wie den Azteken oder Inka, die in komplex organisierten Gemeinschaften lebten. Jüngere Schätzungen differieren zwischen 70 und 110 Millionen Ureinwohnern zu Zeiten von Christoph Kolumbus. Ihre „Entdeckung“ veränderte das Leben auf beiden Seiten des Atlantiks immens. „Der größte Kulturaustausch der Weltgeschichte, der Columbian Exchange, brachte Errungenschaften wie das Pferd, das Hausschwein, Getreide und Bienen in die Neue Welt, aber auch existenzielle Probleme wie die Pocken und die Pest. Nach Europa gelangten wiederum Mais, Kartoffeln, Tomaten und Paprika.“ (Zitat Christina Trebbi „Der geheime Kontinent. 1492“).
Die Alte Welt war zu dieser Zeit politisch und räumlich an ihre Grenzen gestoßen. Kaiser Karl V., Herrscher über ein Reich, „in dem die Sonne niemals untergeht“, formte daraus ein mehr oder weniger zwangsweise zusammengebundenes Staatengebilde: Europa in seinen ersten Zügen. Der Habsburger verstand sich als europäischer Friedenswahrer, Beschützer des Abendlandes vor der Expansion des Osmanischen Reiches und Verteidiger sowie Reformator der römisch-katholischen Kirche.
Hatte Europa Ende des 15. Jahrhunderts begonnen, die Welt zu entdecken, auszubeuten und zu unterwerfen, muss Europa zu Beginn des 21. Jahrhunderts nun selbst seinen Platz zwischen den Weltmächten suchen. Die Europäische Union steckt dabei in einem Selbstfindungsprozess, für viele hat die europäische Idee an Strahlkraft verloren. Die Frage, wie sich Europas Zukunft gestaltet, wird für uns alle konkrete Auswirkungen haben.
Man landet schnell wieder in der Gegenwart, wenn man den Blick zurück auf Mercators Zeitalter lenkt.

Wilfried Schaus-Sahm (Konzept/Programm)

Eine Zeichnung , die Isidor von Sevilla im 7. Jahrhundert angefertigt hatte und 1472 als Illustration der bekannten Welt in einem Buch gedruckt wurde – zwanzig Jahre später war sie veraltet. (Aus: Jill Lepore, „Diese Wahrheiten“, Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, C.H.Beck 2019)


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Programmvorstellung der Mercator Matinéen 2020 „Die Alte und die Neue Welt“