köhler-osbahr-sammlung

das besondere stück

kleinode aus der sammlung köhler-osbahr – vorgestellt von wilfried schaus-sahm
die sammlung der köhler-osbar-stiftung befindet sich im kultur-und stadthistorischen museum, 47051 duisburg, johannes-corputius-platz 1 und ist dienstags bis donnerstags von 10 – 17 uhr, freitags von 10-14 uhr, samstags von 10-17 uhr und sonntags von 10-18 uhr geöffnet

 

idolein giacometti im kultur- und stadthistorischen museum?

ist das moderne kunst? man könnte es vermuten, doch die nur knapp 11 cm große figur wurde bereits um 1200 bis 1000 v. chr. in bronze gegossen. derartige kleinplastiken aus der vor- und frühgeschichte werden als idole bezeichnet, weil man davon ausgeht, dass sie eine kultische bedeutung hatten. sie könnten objekte eines zeremoniellen tauschhandels gewesen sein oder eine rolle in begräbnisriten gespielt haben. der große aufwand für ihre herstellung, die wahl des edlen materials und nicht zuletzt ihr ästhetischer wert deuten darauf hin, dass sie ein kostbarer persönlicher besitz waren und vereinzelt ihrem besitzer mit ins grab gegeben wurden. mit dem aufkommen der abstrakten kunst im 20. jahrhundert wurden die idole wieder entdeckt. bedeutende künstler der moderne griffen die prähistorische bildsprache auf.
hans arp zum beispiel oder auch constantin brancusi orientierten sich bei ihren plastiken an den wiederentdeckten vorbildern.

das in der aktuellen vitrine der köhler-osbar-sammlung ausgestellte männliche idol läuft von der körpermitte nach unten – wie ein nagel – spitz zu und stammt aus dem nordost-anatolischem gebiet. mit seinem vogelartig modellierten kopf und den ausgebreiteten armen verblüfft es den betrachter tatsächlich durch seine scheinbar abstrakt-moderne gestaltung.

chinesischer dachreiter

dachreiterauch bei uns findet man sie nur noch selten, dachreiter, die in vielen regionen eine lange tradition hatten. in unserer nüchternen zeit mit ihrer gleichfalls nüchternen architektur ist kein platz mehr für kunstvolle kleine schutzgeister auf den dächern. höchstens ein metallrabe thront noch auf dem first und schützt als taubenschreck vor vogelkot.

in china zierten seit der ming und qing dynastie mehrfarbig glasierte dachreiter-figuren aus gebranntem ton dächer von palästen, häusern und pagoden. ihnen wurden mystische kräfte nachgesagt. in den gesichtlosen megastätten chinas, die überall im land in den himmel wachsen, ist auch dort ihre zeit vorüber.

die kleinen tonskulpturen waren nicht nur ästhetisch reizvoll, sie hatten vor allem eine schutzfunktion. der drache schützte vor dürre, der phönix galt als symbol des weiblichen und der fruchtbarkeit, der löwe stand für kraft, war also ein hervorragender hauswächter. an menschengestalten begegnete man dem gelehrten, dem heiligen, dem kriegsgott, dem prinzen auf der henne, dem priester auf dem hahn und dem helden zu pferde.

in der aktuellen vitrine der köhler-osbar-sammlung kann man einen zu neuen taten galoppierenden helden bewundern, ein auch im wortsinne besonders schönes exemplar eines wahren dachreiters.

leda und der schwan

was treibt eine junge frau in die arme z.b. eines greisen „cavaliere“? ist es die erotik der macht oder des geldes, oder hat der liebestolle alte die gabe, sich eine schöne gestalt zu geben? solche gedanken gehen einem vielleicht durch den kopf, wenn man aus ledaheutiger sicht auf den berühmten mythos eines so ungleichen pärchens schaut.

das personal der griechischen götterwelt trug sehr menschliche züge und zeus, dem herrscher des olymp, war erst recht nichts irdisches fremd. als gewalttätiger, triebgesteuerter egomane ist er wohl treffend beschrieben. die schöne leda, in der mythologie tochter des königs thestios, hat vergeblich versucht, den nachstellungen des alten schwerenöters zu entkommen. zuletzt verwandelte sie sich selbst in eine gans, aber zeus war prompt als schöner schwan zur stelle und verführte sie.

viele künstler haben sich mit dem beliebten erotischen motiv „leda und der schwan“ beschäftigt. eine berühmte darstellung, die heute verloren ist, schuf um 1530 michelangelo. die hier abgebildete applikation aus dem 1./2. jh. n. chr. wurde in rom gefunden und war wahrscheinlich der griffrest eines größeren gefäßes aus bronze. man sieht den göttervater bei der begattung der halbnackten leda. sie scheint sich in ihr schicksal zu ergeben, der abwehrende griff an den schwanenhals wirkt halbherzig. in abwandlung berühmter zeilen goethes könnte man sagen: „halb zog sie ihn, halb sank sie hin.“

liegender buddha

buddha

billige nachbildungen von buddhastatuen zieren heute wellness-oasen und haben über deko-shops auch millionenfach die wohn- und badezimmer erreicht. dabei ist die buddha-light-welle, der sich der gestresste moderne westliche mensch hingibt, ein großes missverständnis. wie man ein musikinstrument nicht durch pure betrachtung erlernen kann, führt auch der weg des buddhisten zum nirvana nur über eine lebenslange meditationspraxis.

zu den asiatika der köhler-osbahr-sammlung gehören eine große anzahl von stein- und bronzeskulpturen. es sind zumeist buddhaköpfe oder -figuren. ein außergewöhnliches exponat ist die holzplastik eines liegenden jugendlichen buddha aus malaysia vom ende des 19. jh. die skulptur ist 130 cm breit und mit glasperlen und vergoldungen verziert. buddha-statuen wurden nicht als kunstwerke zur dekoration geschaffen, sondern waren dazu gedacht, den betrachter an buddha zu erinnern oder zu belehren.

im laufe der geschichte entwickelten sich regeln, wie der erleuchtete porträtiert werden durfte. bei liegenden darstellungen ruht die figur gewöhnlich auf ihrer rechten seite. die rechte hand unterstützt den kopf, während die linke hand an ihrer linken seite ausgestreckt wird. beide füße liegen symmetrisch und parallel.

in der indischen tradition stellt eine liegende skulptur das mahaparinibanna dar, also das endgültige eintreten in das nirvana, welches die irdische karriere des buddha beendet. buddha verlässt den kreislauf des leidens und der wiedergeburten (samsara). er hat alle falschen persönlichen vorstellungen wie ich-sucht, gier, anhaften hinter sich gelassen. in thailand stellt die gleiche pose lediglich den ruhenden buddha dar.

drachme mit portrait des demetrios i.

drachmewas für eine herausforderung für diesen unbekannten griechischen künstler! 200 jahre vor christus soll er demetrios i. auf einer drachme festhalten.

die drachme (vom griechischen wort drattesthai für „fassen“) war die währungseinheit der antiken griechischen welt schlechthin. auf der nur ca. 3 cm großen münze gelingt das kunststück, die portraithaften gesichtszüge des herrscher bis ins kleinste detail heraus zu arbeiten. eine meisterschaft, wie sie rembrandt mehr als anderthalb jahrtausende später bei seinen radierungen in der größe eines fingernagels wieder bewies.

der blick des demetrios geht visionär zum himmel und den kopf des herrschers schmückt ein elefantenskalp, unter dem im nacken die schleifen der königlichen stirnbinde hervortreten. der elefant, bzw. sein skalp galt als eines der symbole der macht und der anonyme künstler nimmt dabei bezug auf die mythische rückkehr des gottes dionysos. man muss die münze in die hand nehmen, um bei genauerer betrachtung zu erkennen, wie plastisch das markante profil durch verschiedene aufwändige prägeprozesse aus dem metall in die dritte dimension hinein modelliert wurde.

kein wunder, dass antike drachmen mit derart hohem künstlerischen niveau seit der renaissance heißbegehrte sammlerstücke sind.

elefanten„opiumgewichte“

woher die hübschen tiergewichte aus burma, laos und thailand ihren anrüchigen, aber irreführenden namen bekamen, ist unbekannt. seit alters her waren bestimmt für den alltäglichen gebrauch, um auf balancewaagen lebensmittel, metalle und andere materialien zu wiegen. sie wurden aus bronze gegossen und besaßen ein eichsiegel.

dass die menschen dieser region den gewichten die form von tieren gaben, ist naheliegend. sie lebten in einheit mit der natur und waren durch die religionen des hinduismus und buddhismus geprägt. der hindu-gott vishnu erlebte seine zahlreichen wiedergeburten in verschiedenen tierkörpern und buddha lehrte seine jünger die achtung vor allen lebewesen.

elefantwelche poesie sich hinter diesen vorstellungen offenbart, zeigt ein blick auf die skala der gewichte. sie beginnt mit imaginären einheiten, die nur von dämonen, göttern und erdgeistern wahrgenommen werden konnten. das imaginäre kleinste gewicht könnte man nach unserem verständnis in etwa als atom einer flüchtigen substanz bezeichnen und erst dessen 36-fache menge entspricht dem gewicht eines „sonnenstäubchens“. es folgen die gewichte des staubkorns, eines senfkorns, samenkorns, reiskorns etc. bis das kleinste reale tiergewicht von ca. zwei gramm erreicht wird.

das hier abgebildete elefantenbaby wiegt etwa diese zwei gramm, der leitelefant knapp siebenundsechzig gramm. auch unsere modernen westlichen designer, deren oberster glaubenssatz „form follows function“ lautet, wären angesichts dieser gemütlich dahin stampfenden elefantenherde sicherlich begeistert, welch schöne formen doch zu einer recht profanen funktion passen können.

tumi-opfermesser der chimú-kultur

tumimesserdas opfermesser aus dem 12. jahrhundert stammt aus der zeit der peruanischen chimú. es wurde tumi genannt und diente rituellen zwecken, kam also auch bei menschenopfern zum einsatz. tumi-messer gelten aber auch als frühe werkzeuge der chirurgischen medizin, mit denen bereits operationen am schädel vorgenommen wurden.

die chimú-kultur war eine der bedeutendsten zivilisationen perus vor der inkazeit. als nachfolger der moche beherrschten die chimú die peruanische nordküste von 900 bis 1470. dann wurden sie von den inkas in deren reich assimiliert. die chimú leiteten mit einem ausgeklügelten system das wasser über große strecken aus den bergen und gewannen so ausgedehnte anbauflächen.

sie produzierten bereits seriell keramik und waren die talentiertesten goldschmiede des alten peru. das etwa 17 cm lange messer aus bronze ist ein beispiel für ihre hochentwickelte handwerkskunst. als die inka das königreich ihrem imperium einverleibten, erlernten sie zwar die metallverarbeitungstechniken des küstenvolkes, erreichten aber nie dessen hohen standard.

mit den aus heutiger sicht grausamen menschenopfern dankte man den göttern und erhoffte sich verschonung vor den naturgewalten. als später die spanischen invasoren das land eroberten und ausplünderten, empörte sich der konquistador hernán cortés über diese opferriten der „unchristlichen wilden“, was ihn aber nicht hinderte, die azteken im zeichen des kreuzes regelrecht abzuschlachten und selber als einer der größten barbaren in die geschichte des kolonialismus einzugehen. der literat und philosoph michel de montaigne hat bereits im 16. jahrhundert derartige verlogenheit im umgang mit der „kultur der wilden“ in einem essay gebrandmarkt.

ceresvon der kornmutter zur mutter maria

wegen der zentralen lage siziliens im mittelmeer haben sich früh eroberer der insel bemächtigt, sind geblieben und haben sich mit der ansässigen bevölkerung vermischt. dabei hinterließen sie nachhaltige spuren in der kultur siziliens. die griechen brachten ab ca. 800 v. chr. mit demeter eine der ältesten göttinnen des griechischen götterhimmels ins land. das wort demeter setzt sich aus „de“= erde, und „meter“= mutter zusammen. als „kornmutter“ war demeter inbegriff von fruchtbarkeit und mütterlicher fürsorge. ihr wurden vielerorts heiligtümer geweiht, an denen man sie mit festen und riten verehrte. abbildungen zeigen demeter oft auch als „ferkelträgerin“, weil die opferung von ferkeln zum ritual dieser feste gehörte.

die statuette einer sitzenden frau mit kind ist aus terrakotta und stammt aus dem 1.-2. jh. n. chr. sie zeigt demeters römische „nachfolgerin“ ceres, göttin des ackerbaus, der fruchtbarkeit und der ehe. noch heute erinnert der begriff zerealie (für getreide und frühstücksflocken) an sie. wüsste man es nicht, könnte man die tonfigur aber auch für eine christliche darstellung marias mit dem gotteskind halten und dieses naheliegende missverständnis ist bezeichnend, denn an den demeter – ceres heiligtümern lebt das antike ritual bis heute nahtlos durch die verehrung der madonna mit dem kind weiter. demeter – ceres – maria. um diese drei frauen hat sich jenseits verschiedener religionen ein lebendiger kult über zweieinhalb jahrtausende erhalten.

pfeifgefäße. geheimnisvolle instrumente.

pfeilgefaessomas wasserkocher hat noch schrill gepfiffen, wenn das wasser fertig war. heutige design-retro-kocher flöten eine melodie. schon im alten peru wusste man, dass ein blasinstrument auch mit wasser statt dem menschlichen atem funktionieren kann.

pfeifgefäße gehören zu den rätselhaftesten objekten der musikkultur altamerikas. die instrumente kamen lange vor der zeit der inka auf. sie wurden aus ton geformt, bemalt und gebrannt. ein behälter war mit wasser gefüllt, der andere als muschel, mensch, oder vogel geformt und trug in seinem kopf eine kugelförmige pfeife. ließ man durch neigung das wasser von einem in den anderen behälter fließen, wurde luft durch die pfeife gepresst.. durch langsames schaukeln konnte man sogar einen rhythmus erzeugen.

mit großer wahrscheinlichkeit handelte sich um magische oder ritualobjekte. der schamane rief mit der pfeife z.b. die wolkengeister um regen an. pfeifgefäße in menschlicher gestalt sollten vermutlich verstorbenen eine stimme verleihen. noch in unseren tagen verwenden heiler in peru die pfeifgefäße, um kontakt mit toten aufzunehmen. wenn sie mehrere gefäße gleichzeitig spielen, ertönt eine klangcollage aus klagen, seufzern und schreien, die auch heutige zuhörern oft noch ein schaudern über den rücken laufen lässt.

scheinkopf für ein mumienbündel

scheinkopfgerade erst haben archäologen in einem slumviertel der peruanischen hauptstadt lima einen jahrhundertealten inka-friedhof mit tausenden von mumien freigelegt. dabei wurden auch zahlreiche mumienbündel, so genannte „falsas“, ausgegraben. sie beherbergen manchmal mehrere tote, denen reiche grabbeigaben wie töpferwaren, schmuck, tierfelle und mais zur herstellung von „chicha“, einem gegorenen getränk, mit auf den weg gegeben wurden. im vorspanischen peru sollte dieser kult die verstorbenen für das jenseits bewahren. nach sozialem rang wurden die toten mit unterschiedlichen grabbeigaben für ein leben im jenseits ausgestattet. kunstvolle textilien sollten ihre macht und ihren reichtum darstellen.

die mumienbündel und selbst feinste textilien haben jahrtausende im boden der regenlosen peruanischen küstenwüste überdauert. jetzt gefährden planierungsarbeiten die kostbaren gräber und viele der in zwei meter tiefe liegenden mumien beginnen durch vermehrt eindringendes abwasser zu verwesen.

nach inka-brauch, wurden am oberen ende des unförmigen mumienbündels scheinköpfe angebracht, die so das gesicht des verstorbenen ersetzten. der hier abgebildete eindrucksvolle scheinkopf aus der peruanischen chancay-kultur wurde aus holz geschnitzt und mit stein- und muscheleinlagen verziert. auch stoffköpfe, die man mit den gesichtszügen des toten bemalt hatte, waren üblich.

porträtkopf

portaitkopfan der nordküste perus entwickelte sich vom 1. bis zum 8. jahrhundert die kultur der moche. die moche haben keine schriftlichen zeugnisse hinterlassen, die archäologen sind deshalb gezwungen, sich bei der eindrucksvollen porträtkunst der moche durch interpretationen ihrer tonskulpturen ein bild zu machen.

bei dem abgebildeten gefäß in form eines porträtkopfes wird man entfernt an die werke des deutsch-österreichischen barock-bildhauers franz quaver messerschmidt erinnert, der es sich zur aufgabe gemacht hatte, alle arten von physiognomischen zuständen, bis hin zur grimasse abzubilden und zu dokumentieren. auch die lebensnahen werke der moche-töpferkunst könnten die funktion einer art „keramischen bilderbuchs“ gehabt haben, das informationen über alle alltäglichen erscheinungen und die eigene kultur zusammentrug. sogar ihr sexualleben haben die moche in ihrer keramik festgehalten. die in großer zahl gefundenen porträtköpfe mit detailgetreuen individuellen gesichtszügen scheinen zeitgenossen der töpfer darzustellen. es kann sich um herrscher-persönlichkeiten gehandelt haben, aber da auch krankhafte gesichtsveränderungen und verstümmelungen dargestellt werden, vermutet man, dass es sich trotz der vielzahl unterschiedlicher gesichter um die darstellung von typen handelt, die bestimmten sozialen, handwerklichen und künstlerischen konventionen unterworfen waren.

ein lachendes opossum

opossumdas figürliche gefäß in form eines opossums stammt aus der peruanischen vicús-kultur. ihre töpfer waren meister im modellieren detaillierter darstellungen von menschen, pflanzen und tieren. die beutelratte zählt dabei zu den am häufigsten dargestellten nagetieren. das hier abgebildete lachende opossum mit seinen perforierten knopfaugen wirkt wie ein vorläufer der in frankreich so populären reklame für die käsemarke „la vache qui rit“ ( „die lachende kuh“). da die vorspanischen peruanischen völker die profane und transzendente welt als einheit sahen, treten gottheiten oft als mischwesen zwischen mensch und tier oder mensch und pflanze auf. es gab menschengestaltige füchse, hirsche, jaguare, raubvögel, eulen, krabben und schlangen, aber auch mais- und bohnengottheiten. den tieren selbst schrieb man mystische kräfte zu. der puma galt als könig der anden, der brillenbär als vermittler zwischen gut und böse. das töten eines vikunjas, ein dem lama vergleichbares kleinkamel, wurde als todsünde betrachtet.